Freitag, 23. März 2012

Heilpflanzen und Tee zur Geburtserleichterung


Vor der Einnahme von Heilpflanzen in der Schwangerschaft wird oft aus Unwissenheit zurückgewichen, weil nur ungenügende Erkenntnisse vorliegen. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass Heilpflanzen wie Johanniskraut und ein Tee aus Himbeerblättern zur Geburtserleichterung durchaus Sinn machen.
 
Sind Heilpflanzen in der Schwangerschaft und zur Geburtserleichterung gerechtfertigt?
Heilpflanzen besitzen pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe und sind damit pflanzliche Arzneimittel. In der Schwangerschaft sowie in der Stillzeit wird bei allem was die Mutter zu sich nimmt stets auch die Wirkung auf das Kind mitberücksichtigt. Bei Schwangeren stellt sich die Frage ob es gerechtfertigt ist bei sogenannten Befindlichkeitsstörungen wie z.B. Unruhe und Angst und anderen Schwangerschaftsbeschwerden wie Übelkeit oder Müdigkeit mit Arzneimitteln zu behandeln und wenn ja womit? Pflanzliche Arzneimittel sind dafür bekannt kaum Nebenwirkungen zu haben, doch leider liegen kaum wissenschaftlichen Daten für Schwangere vor. Es gibt Regeln aus der Schulmedizin, die bei der Entscheidungsfindung helfen.

Regeln bei der Verschreibung von Arzneimitteln bei Schwangeren
  • Eine Schwangere sollte nur mit Medikamenten behandelt werden, die schon seit vielen Jahren eingeführt sind. Voraussetzung ist natürlich, dass keine embryotoxischen Bedenken vorliegen.
  • Eine Monotherapie ist anzustreben (d.h. immer nur eine Substanz und keine Vielstoffgemische)
  • Die Dosis eines Medikaments ist so niedrig wie therapeutisch möglich zu wählen.
  • Die Erkrankung selbst kann ein Risiko für die normale vorgeburtliche Entwicklung darstellen. Auch schwere Belastungen wie Schmerzen oder psychische Konflikte können den Schwangerschaftsverlauf gefährden. Das Unterlassen einer therapeutischen Intervention kann ein größeres Risiko für das Ungeborene darstellen als die Behandlung selbst.

Was ist ein „Off-Label-Use“?
Unter Off-Label-Use versteht man die Behandlung mit einem Medikament, das für die vorgesehene Anwendung oder/und für die betreffende Patientengruppe (z.B. Schwangere, Stillende, Kinder) nicht zugelassen ist. Die Zulassung für Schwangere wird im Allgemeinen nicht explizit genannt. Der Hinweis „kontraindiziert in der Schwangerschaft“ oder „Schwangerschaft“ im Absatz „Gegenanzeigen“ zeigt jedoch an, dass eine dennoch durchgeführte Behandlung einem Off-Label-Use entspricht.[1] Der Grund dafür ist oft unzureichendes Erkenntnissmaterial aus Studien, weshalb eine Einnahme nicht empfohlen werden kann und nicht etwa eine nachgewiesenen Schädlichkeit. 

Auswirkungen von Wissenslücken auf die Verschreibung
Der unbefriedigende Kenntnisstand sowie undurchschaubare Kriterien bei der Klassifizierung von Medikamenten in der Schwangerschaft begünstigen eine Fehleinschätzung des Arzneimittelrisikos mit der Folge, dass entweder notwendige Verordnungen unterbleiben oder verschriebene Medikamente nicht eingenommen werden. Ebenso wie in der Kinderheilkunde ist eine Therapie mit Medikamenten bei Schwangeren häufig nur „off label“ möglich, weil für viele Erkrankungen keine Medikamente ohne den Vermerk „Gegenanzeige: Schwangerschaft” verfügbar sind.

Johanniskraut in der Schwangerschaft
Am Beispiel Johanniskraut lässt sich zeigen, dass unzureichende wissenschaftliche Erkenntnisse auch Schwierigkeiten bei der Verordnung von Heilpflanzen in der Schwangerschaft machen. Bei sehr ängstlichen Schwangeren kann mit der Einnahme von Johanniskraut in der 36.-38. Schwangerschaftswoche begonnen werden. Johanniskraut ist zur Angstminderung unmittelbar während der Geburt ungeeignet, da bis zum Einsetzen der vollständigen Angstlösung mindestens 1 Woche vergeht. 


Erfahrungen mit Johanniskraut
Der Erfahrungsumfang mit Johanniskraut in der Schwangerschaft ist mittelmäßig.
Da an Schwangeren grundsätzlich keine randomisierten Studien durchgeführt werden dürfen, beruhen Kenntnisse zur Sicherheit von Medikamenten auf der Auswertung von klinischen Erfahrungen.
1. Trimenon: Es liegen keine umfangreichen systematischen Studien zur Anwendung in der Schwangerschaft vor.  Eine prospektive kanadische Kohortenstudie an 54 Frauen mit Johanniskrauteinnahme, davon 49 mit Einnahme im 1. Trimenon, zeigte weder eine erhöhte Fehlbildungsrate noch vermehrt Frühgeburtlichkeit. Auch im Tierversuch fanden sich keine Hinweise auf teratogene Effekte.
2.-3. Trimenon / Perinatal: Unzureichende Datenlage, laut Einzelfallberichten keine Hinweise auf funktionelle Auffälligkeiten.

Empfehlungen zur Schwangerschaft
Bei der Planung einer Therapie oder Planung einer Schwangerschaft unter Therapie ist die Anwendung von Johanniskraut bei depressiven Störungen in der Schwangerschaft akzeptabel. Mögliche Komedikationen sollten bezüglich Wechselwirkungen geprüft werden. Photosensibilisierung ist möglich. Die Konsequenzen welche sich durch die Anwendung von Johanniskraut in der Schwangerschaft ergeben sind eine sorgfältige Schwangerschaftsüberwachung und engmaschige psychiatrische Kontakte, um rechtzeitig Krisen bei der Mutter und Entwicklungskomplikationen beim Feten (Frühgeburtsbestrebungen, Wachstumsretardierung) begegnen zu können. Besser erprobte und besser untersuchte „Alternativen“ sind formal gesehen chemisch-synthetische Arzneimittel wie einige Trizyklika und SSRIs wie Sertralin und Citalopram.

Johanniskraut Produktnamen:

    Esbericum ®
    Hyperforat ®
    Jarsin ®
    Kira ®
    Laif ®
    Neuroplant ®


Johanniskraut in der Stillzeit
In einem Fallbericht war keine Substanz im Säuglingsserum nachweisbar. Hypericin kann Prolaktin senken, eine verringerte Milchproduktion ist daher nicht auszuschließen. In einer Untersuchung an 33 Mutter-Kind-Paaren wurden bei 5 Kindern (häufiger als in Kontrollgruppe) leichte, nicht behandlungsbedürftige Symptome wie Bauchkoliken, Lethargie und Schläfrigkeit beobachtet. Ein Einfluss anderer Faktoren wie zusätzliche Antidepressiva bei 2 Frauen war jedoch nicht auszuschließen. Die vollgestillten Kinder nahmen normal an Gewicht zu, so dass eine relevante Verringerung der Milchproduktion durch die Prolaktin-senkende Wirkung unwahrscheinlich erscheint. In der Stillzeit ist die Einnahme von Johanniskraut akzeptabel. Bei gleichzeitiger Einnahme von oralen Kontrazeptiva muss die kontrazeptive Wirkung durch kontinuierliche Einnahme monophasischer, niedrig dosierter Präparate verstärkt oder ein Intrauterinpessar benutzt werden.[2]

Nervosität und Angst
Manche Frauen entwickeln eine Furcht vor der Geburt, weil ihnen viele Geschichten darüber erzählt wurden was Schlimmes passieren kann und wie unerträglich die Geburtsschmerzen seien. Nervosität und Angst können auch erst während der Geburt auftreten, beispielsweise wenn die Frau sich der Naturgewalt der Wehen hilflos ausgeliefert fühlt und nicht mit den Wehen arbeitet.

Beruhigende Heilpflanzen zur Geburtserleichterung
Gegen Angst und Unruhezustände werden Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Johanniskraut, Lavendelblüten, Melissenblätter und Passionsblumenkraut empfohlen. Bei Lavendelblüten und Melissenblättern beruht die Wirksamkeit in erster Linie auf dem Vorhandensein von ätherischem Öl. Aus diesen Heilpflanzen kann ein Tee zur Beruhigung zubereitet werden, der schon vor dem Geburtstermin täglich getrunken werden kann sowie während der Geburt.

Tee zur Beruhigung und Geburtserleicherung
Es kann zur Geburtserleichterung ein beruhigender Tee eingenommen werden, der über den Ablauf der Geburt verteilt getrunken wird. Teerezepturen werden schon vor der Geburt individuell an die Vorlieben der Frau angepasst, da die Schwangeren unterschiedlich auf Rezepturvorschläge für Tee reagieren und den Tee auch geschmacklich unterschiedlich bewerten. Den Tee bedeckt 10 Minuten ziehen lassen und 5 Tassen frisch bereiteten Tee über den Tag verteilt trinken.

Ein Tee zur Beruhigung, der sich durch einen sehr angenehmen Geschmack auszeichnet, besteht aus:
Baldrianwurzel           40,0 g
Hopfenzapfen            20,0 g
Melissenblättern        15,0 g
Pfefferminzblättern    15,0 g
Pomeranzenschalen  10,0g

Tee mit Himbeerblättern aus der Erfahrungsheilkunde
Damit der Muttermund weicher wird, werden zur Geburtserleichterung in der Volksmedizin und Erfahrungsheilkunde Tees ab der 32. Schwangerschaftswoche empfohlen. Schulmedizinische Alternativen gibt hierfür es nicht. Hebammen empfehlen ab der 34. Schwangerschaftswoche regelmäßig 3-4 Tassen Tee aus Himbeerblättern zu trinken. 1 TL gehäufte Teemischung mit 1 Tasse kochendem Wasser (ca.150ml) übergiessen und bedeckt ca. 10-15 Minuten stehen lassen.[3] Eine bewährte Rezeptur für einen Tee aus Himbeerblättern zur Geburtserleichterung enthält

Himbeerblätter            20,0 g
Melissenblätter           20,0 g
Frauenmantelkraut     20,0 g
Dillfrüchte                   10,0g
Fenchelfrüchte            10,0g

Ätherisches Öl im Tee zur Geburtserleichterung
Tee aus Heilpflanzen wird immer bedeckt stehen gelassen, da es sich bei den Wirkstoffen oft um flüchtige Substanzen wie ätherische Öle handelt. Beim Tee zur Geburtserleichterung ist ätherisches Öl in Melissenblättern, Dill- und Fenchelfrüchten enthalten. Das ätherische Öl verflüchtigt leicht und steht nicht mehr zur Wirkung zur Verfügung, wenn der Tee nicht zugedeckt wird. Das sich an der Bedeckung gesammelte Konzentrat wird vor Genuss wieder in den Tee zurück geschüttet. Bei Dill- und Fenchelfrüchten handelt es sich um Heilpflanzen, die eine entkrampfende Wirkung auf den Magen-Darm-Trakt haben. Melissenblätter wirken beruhigend und ebenfalls entkrampfend auf den Magen-Darm-Trakt. Dieser Wirkmechanismus kann möglicherweise auch während der Geburt krampfmindernd und beruhigend wirken. Frauenmantelkraut wird gerne bei gynäkologischen Beschwerden eingesetzt, eine nachgewiesene Wirkung besteht jedoch nur bei mildem Durchfall. Aufgrund der Nebenwirkungsfreiheit kann dieser Tee aus Heilpflanzen über einen längeren Zeitraum eingenommen werden.

Studien über Tee aus Himbeerblättern in der Schwangerschaft
Tee aus den Blättern von Rubus idaeus L. (Himbeere) wird seit Jahrhunderten in der Volksmedizin verwendet um Wunden, Durchfall, Koliken und Schmerzen zu behandeln ausserdem wird es als Beruhigungsmittel für die Gebärmutter eingesetzt.[4] Viele Frauen konsumieren Tee aus Himbeerblättern während ihrer Schwangerschaften in dem Glauben, dass es Wehen verkürzt und erleichtert. Für Himbeerblätter ist keine ausreichende Wirksamkeit belegt. Bei Merrschweinchen wirkte es in einer Studie relaxierend auf die Darmmuskulatur.[5] Wegen des Mangels an Forschung in Bezug auf Himbeerblätter, insbesondere im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, wurde eine doppel-blinde, randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie durchgeführt. Die Stichprobe bestand aus 192 Erstgebärenden mit niedrigem Risiko, die ihre Babys zwischen Mai 1999 und Februar 2000 in einem großen Krankenhaus in Sydney in Australien zur Welt brachten. Das Ziel der Studie war, die Wirkung und Sicherheit von Himbeerblätter-Tabletten (2 x 1,2 g pro Tag) festzustellen, die ab der 32. Schwangerschaftswoche bis Geburt konsumiert wurden. Es wurden keine negativen Auswirkungen für Mutter oder Kind festgestellt, aber entgegen der landläufigen Meinung verursachte die Einnahme von Himbeerblättern keine Verkürzung die erste Phase der Geburt. Die einzigen Befunde waren eine Verkürzung der zweiten Phase der Geburt um 10 Minuten und eine niedrigere Rate an Zangengeburten zwischen der Behandlungsgruppe und der Kontrollgruppe (19,3% vs 30,4%). Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind noch zu mangelhaft und nicht ausreichend, um Himbeerblätter aus wissenschaftlicher Sicht zur Geburtserleichterung zu empfehlen.[6] Jede Gebärende wird sich aber wahrscheinlich darüber freuen, wenn ihre Wehen um 10 Minuten verkürzt werden und die Wahrscheinlichkeit einer Zangengeburt auch nur minimal sinkt.


Wie sollen Heilpflanzen und Tee in der Schwangerschaft eingenommen werden?
Während Schwangerschaft, zur Geburtserleichterung und Stillzeit ist anzuraten Heilpflanzen möglichst nur nach Absprache mit dem Arzt oder Apotheker einzunehmen. Bei einer Selbstmedikation mit Heilpflanzen in Form von Tee und anderen Zubereitungsformen ist die behandelnde Gynäkologin davon zu informieren. In den meisten Fällen ist die Behandlung mit Heilpflanzen, welche in ihrer Wirkung mild sind, relativ unbedenklich.





 Quellen:
[1] Christof Schaefer. ARZNEIMITTELTHERAPIE. Off-Label-Use von Medikamenten in der Schwangerschaft.  FRAUENARZT  48 (2007) Nr. 1. S.20-25. http://www.embryotox.de/fileadmin/files/offlabeluse.pdf
[2] http://www.embryotox.de/johanniskraut.html
[3] Kammerer, Schilcher. Leitfaden Phytotherapie. Urban & Fischer Verlag, 2. Auflage. S728-729.
[4] Rojas-Vera J, Patel AV, Dacke CG. Relaxant activity of raspberry (Rubus idaeus) leaf extract in guinea-pig ileum in vitro. Phytother Res. 2002 Nov;16(7):665-8.
[5] Phytother Res. 2002 Nov;16(7):665-8.
Relaxant activity of raspberry (Rubus idaeus) leaf extract in guinea-pig ileum in vitro.
Rojas-Vera J, Patel AV, Dacke CG.
[6] Simpson M, Parsons M, Greenwood J, Wade K. Raspberry leaf in pregnancy: its safety and efficacy in labor. J Midwifery Womens Health. 2001 Mar-Apr;46(2):51-9.

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