Samstag, 7. Januar 2017

Kindheitstrauma und Gesundheit im Erwachsenenalter



Kindheitstrauma und Gesundheit im Erwachsenenalter  Blattgold Dr.Becker ® 



Missbrauchserfahrungen in der Kindheit sind mit physischen und psychischen Gesundheitsstörungen im Erwachsenenalter assoziiert.
Es wurde auch ein ungünstiger Einfluss auf das Gesundheitsverhalten in einer aktuellen Studie festgestellt, die den Einfluss verschiedener Formen von Kindheitstraumatisierung auf das Gesundheitsverhalten erwachsener psychosomatischer Patienten untersuchte.

Relevante Traumatisierungserfahrungen sind:
Sexueller Missbrauch,
emotionaler Missbrauch,
körperlicher Missbrauch,
emotionale Vernachlässigung,
körperliche Vernachlässigung.


Frühe traumatische Erlebnisse haben einen großen Einfluss auf die Entwicklung psychischer Störungen. Kinder mit Missbrauchserfahrungen wiesen in einer Studie ein doppelt so hohes Risiko dafür im Erwachsenenalter eine diagnostizierte Depression zu entwickeln. Es fanden sich auch Zusammenhänge zwischen Art der Kindheitstraumatisierung und der Diagnose. Bei psychosomatischen Patienten zeigten sich Verbindungen zwischen emotionalem Missbrauch und Depression sowie zwischen körperlicher Misshandlung und somatoformen Störungen. Je stärker der Missbrauch in der Kindheit war, desto schwerere psychische Störungen lieben im Erwachsenenalter vor.
Es ist anzunehmen, dass sich ein in der Kindheit erlebter ungünstiger Umgangsstil als Internalisierung in "schlechtem" Umgang mit sich selbst ausdrückt. Vorstellbar ist aufgrund der schädlichen Einflüsse in der Kindheit auch eine damit einhergehende geringere Selbstregulationsfähigkeit und Stresstoleranz, die sich in ungünstigerem Gesundheitsverhalten zeigt.

Es wurden Routinedaten von Patienten aus einer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie ausgewertet. 56 % der Patienten waren weiblich. Das Durchschnittsalter lag bei 39,5 Jahren. Es wurde das Childhood Trauma Questionaire eingesetzt, um Kindheitstraumatisierung zu untersuchen.
Der Missbrauch (sexuell, körperlich, emotional) und Vernachlässigung (körperlich, emotional) wurden damit erfasst.
Bei sexuellem Missbrauch wurden sexuelle Aktivitäten erfasst, die von Erwachsenen ausgingen.
Körperlicher Missbrauch thematisiert körperliche Gewalt von Personen der Primärfamilie.
Emotionaler Missbrauch ermittelt wahrgenommene Abwertung, Ablehnung und verbalte Verletzung in der Familie.
Körperliche Vernachlässigung erfasst die Beeinträchtigung des körperlichen Wohls aufgrund mangelnder Fürsorge.
Emotionale Vernachlässigung bezieht sich darauf in welchem Umfang psychische Grundbedürfnisse wie Liebe, Zugehörigkeit und Unterstützung unbefriedigt blieben.

Ergebnisse
Unter den Traumatisierungserfahrungen war emotionaler Missbrauch am häufigsten. Frauen gaben dies häufiger an als Männer, ebenso wie emotionale Vernachlässigung. In Bezug auf körperliche Vernachlässigung und körperlichen Missbrauch unterschieden sich die Geschlechter nicht signifikant voneinander. Sexueller Missbrauch wurde insgesamt seltener angegeben, von Frauen dreimal häufiger.

Body-Maß-Index (BMI)
Frauen mit sexueller Traumatisierungserfahrung haben ein doppelt so hohes Risiko vollschlank zu sein. Der Anteil adipöser Patientinnen lag auch bei emotionalem Missbrauch und körperlicher Vernachlässigung signifikant höher. Männer mit Kindheitstraumatisierung waren im Erwachsenenalter auch häufiger beleibt. Es gibt keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Für Frauen zeigte sich aber tendenziell eine höhere Verletzlichkeit ab. Der Zusammenhang mit Untergewicht wurde geprüft, wobei sich keine deutlichen Verknüpfungen ergaben.

Zigarettenkonsum
Frauen mit sexueller Missbrauchserfahrung in der Kindheit hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko zu rauchen.  Darüber hinaus waren bei Frauen alle vier weiteren Missbrauchserfahrungen mit einem positiven Raucherstatus augenfällig. Auch bei emotionaler Vernachlässigung, körperlicher Missbrauchserfahrung und körperlicher Vernachlässigung lag das Risiko zu rauchen höher. Für Männer trifft dies nur im Falle von emotionalen Missbrauch zu. Der Raucheranteil stieg je mehr Formen traumatischer Erlebnisse eingetreten waren.

Körperliche Inaktivität

Körperliche Inaktivität kann bei männlichen Patienten im Falle emotionaler Vernachlässigung und emotionalen Missbrauchs signifikant häufiger vor. Bei Frauen lagen keine wesentlichen Zusammenhänge vor. Zusammenhänge zwischen körperlicher Inaktivität zeigen sich nur bei Männern, insbesondere bei emotionalem Missbrauch und emotionaler Vernachlässigung. Aus welchen Grund Missbrauchserfahrung in der Kindheit ausschließlich bei Männern signifikant mit körperlicher Inaktivität zusammenhing, lässt sich anhand der verfügbaren Daten nicht genauer analysieren.

Schlussfolgerung
Hauptsächlich sexueller Missbrauch in der Kindheit ging bei Frauen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einher, im Erwachsenenalter Raucherin zu sein, einen höheren Zigarettenkonsum zu haben und übergewichtig zu sein.
Bei Männern hingegen war emotionale Missbrauchserfahrung in der Kindheit eher mit körperlicher Inaktivität assoziiert.
Das Gesundheitsverhalten ist keine rein individuelle Lebensstilfrage, sondern wesentlich durch frühe Belastungsfaktoren biopsychosozial mitbestimmt. Im gesundheitsschädigenden Verhalten setzt sich die früher erlittene schlechte Behandlung durch die Familie fort.
Die Befunde zeigen, dass das Gesundheitsverhalten durch frühe Missbrauchserfahrungen mitbestimmt wird. Die Prävention von psychischen Erkrankungen und der Boden für eine gesunde Lebensführung nehmen bereits in der Kindheit ihren Anfang.





Quelle: 

Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Journal of Psychosomatic Medicine and Psychotherapie
Organ der Deutschen Gesellschaft f+r Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) 62.    Jahrgang 4/2016 ISSN 1238-3608
Till F. Beuterl, Rüdiger Zwerenz, Matthias Michal
Retrospektiv berichtete Kindheitstraumatisierung und Gesundheitsverhalten im Erwachsenenalter von psychosomatischen Patienten.




Weitere interessante Themen:

Einfluss des mütterlichen Lifestyles. Der mütterliche Lifestyle hat einen großen Einfluss auf die Gewichtszunahme des Säuglings im ersten ...





Psychologische Gründe für Babymassage. Die enorme Bedeutung der frühen emotionalen Erlebnisse des Menschen im 1. und 2. Lebensjahr ...

Prosoziales Verhalten hat positive soziale Konsequenzen zur Folge und trägt zu ...



... sie unbehandelt bleiben, die Schlafstörungen negative Auswirkungen auf das Lernen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Verhalten haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen